
Der Orthopäde Michael Rösch reist immer wieder für Ärzte ohne Grenzen in Krisengebiete. Hier verrät er, was er in Afrika, Haiti und Gaza gelernt hat.
Von Anne Frankenberg
Es ist 8.30 Uhr in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Vor Dr. Michael Rösch liegt ein langer Tag. Vor rund 20 Jahren hat der Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie an der I. Orthopädischen Abteilung des Herz-Jesu Krankenhauses Wien begonnen, für die weltweite Organisation Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Sein Dienstgeber stellte ihn dafür immer frei. Ein Beitrag des gemeinnützigen Ordenskrankenhauses, damit die Not der Zeit gelindert werden kann.
Wenn er über seine Arbeit im Ausland spricht, ist schnell zu erkennen, was ihn antreibt. „Ich finde es ungerecht, dass wir hier alles haben und die Menschen dort nicht.“ Sechs Tage die Woche, neun Stunden im OP, in einem der ärmsten Länder der Welt. Rösch operiert für Ärzte ohne Grenzen und bringt jedes Mal eine veränderte Sichtweise zurück nach Wien.
Die Zentralafrikanische Republik zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei wenigen Dollar. Im Spital von Ärzte ohne Grenzen in Bangui stehen 80 Betten, verteilt auf drei große Säle. Die Ausstattung ist einfach gehalten, aber der Betrieb funktioniert. Und die Versorgung ist gratis.
Neun von zehn Patient*innen haben eine schwerwiegende offene Fraktur. Diese Art des Knochenbruchs wird in Europa meist sofort und umfassend behandelt. Hier hingegen entscheidet manchmal ein einziger Eingriff über Gehfähigkeit oder Amputation. Rösch weiß das und handelt entsprechend. Das Telefon trägt er stets bei sich, Bereitschaft ist selbstverständlich.
Zentralafrika ist nicht Röschs erster Einsatzort. Frühere Missionen führten ihn unter anderem nach Haiti, wo bis zu 40 Prozent der Fälle Schussverletzungen waren. Oder nach Gaza und in die Ukraine. In Krisengebieten ist Ärzte ohne Grenzen als Notfall- und Katastrophenorganisation tätig. Das internationale Personal macht dabei nur 10 Prozent aus. 90 Prozent kommen aus dem Land selbst. Ausgebildet vor Ort, Schritt für Schritt.
Dass Gefahr zum Berufsalltag gehört, nimmt Rösch nüchtern hin. „Wir gehen mit unserem Einsatz ein kalkuliertes Risiko ein, auch wenn wir manchmal tatsächlich beschossen werden.“
Dass die Organisation trotzdem arbeiten kann, liegt an einem ausgeklügelten Sicherheitssystem via Kontakten zu Militär, Polizei, Rebellengruppen und der lokalen Bevölkerung. Alle Informationen fließen ins Risikoraster ein. Und ein eigener Sicherheitsbeauftragter wacht über jede Mission.
Was bleibt, wenn Rösch nach Wien zurückkommt, ist Perspektive. „Ich sehe, wie perfekt wir sind, welche großartige Hilfe wir in Österreich leisten und wie wir über 90 Prozent unserer Patientinnen und Patienten helfen können. In der Orthopädie gehen die meisten Behandelten nach einer Operation wieder gesund in den Alltag zurück. Das gelingt mir in Afrika leider nicht.“ Eine wirkliche Heilung, wie er sie in Europa als selbstverständlich erlebt, ist dort selten. Seinen Wunsch an die Menschen hier zulande formuliert er offen. „Bescheidener zu werden und zu erkennen, wie relativ Glück ist.“ Nicht als Vorwurf, sondern als Einladung.
Michael Rösch mit einem dankbaren Patienten, der einen offenen Bruch hatte.
Die internationale humanitäre Organisation leistet medizinische Nothilfe in mehr als 70 Ländern. Die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen wird ausschließlich durch private Spenden finanziert, unabhängig von Regierungen und politischen Interessen.
Spendenkonto mit Gütesiegel:
IBAN: AT43 2011 1289 2684 7600
Fotos: © Dr. Rösch