Links ein Foto vor der fazialen Reanimation, rechts ein Foto nach der fazialen Reanimation
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Das Lächeln kehrt zurück

Medizin
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Der Leidensdruck ist groß, wenn gelähmte Nerven eine Gesichtshälfte hängen lassen. Ein Chirurg erklärt, wie eine sogenannte faziale Reanimation die Mimik zurückbringt.

Von Claudia Schanza

Nur in wenigen österreichischen Krankenhäusern wird die mikrochirurgische Rekonstruktion der Gesichtsfunktion durchgeführt. Oberarzt Dr. Markus Wiplinger leitet den Bereich Gesichtschirurgie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern und führt diese heikle Operation durch. Im Interview erklärt er, für wen diese rekonstruktive OP infrage kommt und wie sie abläuft.

Vinzenz magazin: Wie kommt es zu einer erschlafften Gesichtshälfte?

Markus Wiplinger: Ausgelöst wird die Schädigung des Gesichtsnervs häufig durch einen Tumor im Gesicht oder im Hals-Nasen-Ohren-Bereich oder einen Schlaganfall. Manchmal ist die Lähmung angeboren oder tritt ohne erkennbare medizinische Ursache ganz plötzlich auf.

Wie erleben Betroffene die unübersehbare Beeinträchtigung?

Als sehr große Belastung im Alltag. Viele wollen nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen oder tragen Covid-Masken. Der Speichelfluss, das Essen und Trinken, die Sprache sind bei vielen erschwert. Dazu kommt oft, dass das Auge nicht richtig befeuchtet wird, weil Ober- und Unterlid nicht gut schließen. Dann brauchen viele einen täglichen Augenverband.

Wie läuft die OP zur fazialen Reanimation ab?

Zuerst entnehmen wir chirurgisch einen Nervenstrang aus dem Unterschenkel. Dieser Nerv wird auf der gesunden Gesichtshälfte an den bestehenden Nerv angeschlossen und oberhalb der Oberlippe zur betroffenen Gesichtshälfte gelegt. Dort wachsen die Nervenfasern über einen Zeitraum von neun Monaten ein. In einer zweiten Operation entnehmen wir einen Muskellappen von der Innenseite des Oberschenkels und setzen ihn quer über die Wange ein, vom Mundwinkel bis zur Schläfe und dem dort liegenden Kaumuskel. Er wird dort an die Gefäß- und Nervenversorgung angeschlossen.

Ein Nerv aus dem Unterschenkel belebt die betroffene Gesichtshälfte. © Ordensklinikum Linz

Wann und wie kehrt die Mimik zurück?

Der eingesetzte Muskel beginnt nach wenigen Monaten selbstständig zu arbeiten. Es ist wieder eine spontane Mimik möglich, die symmetrisch zur gesunden Seite verläuft. Und sie verbessert sich mit der Zeit sogar, weil das Zusammenspiel aus Nerven und Muskel immer harmonischer abläuft. Mit dieser Operationsmethode können wir den Patientinnen und Patienten ein möglichst echtes Lächeln zurückgeben.

Müssen die Betroffenen die Muskulatur trainieren?

Regelmäßige Logopädie unterstützt die Gesichtsfunktion und die Sprache.

Für welche Personen ist die faziale Reanimation geeignet?

Vor allem für jüngere, die keine Vorerkrankungen haben bzw. während einer Krebstherapie nicht bestrahlt wurden, ist diese mikrochirurgische Rekonstruktion eine Option. Bei Vorerkrankungen, hohem Alter oder wenn medizinische Verfahren nicht für die faziale Reanimation infrage kommen, bietet das Ordensklinikum Linz alternative chirurgische Behandlungsmöglichkeiten an.

Welche Möglichkeiten gibt es da?

Unser Team der plastischen Chirurgie wendet je nach Voraussetzungen die am besten geeignete Methode an. Mit der statischen Rekonstruktion, bei der durch sogenannte Zügelungen Gewebe gestrafft oder angehoben wird, gibt es eine Alternative. Das funktioniert bei der Stirn, den Augenbrauen und -lidern, den Mundwinkeln und am Kinn. Ein dynamischeres Ergebnis liefert die Temporallappenplastik. Bei manchen Betroffenen führen wir nach einigen Jahren wieder kleine chirurgische Korrekturen und Straffungen durch. So begleiten wir manche Patientinnen und Patienten ihr Leben lang.

Mit dieser Operationsmethode können wir den Patientinnen und Patienten ein möglichst echtes Lächeln zurückgeben.

Dr. Markus Wiplinger

OA Dr. Markus Wiplinger

Leitung Gesichtschirurgie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

Headerbild:

  • Vorher (li.): Die halbseitige Lähmung prägt die Mimik.

  • Nachher (re.): Trinken und spontanes Lächeln ist wieder möglich.

© Ordensklinikum Linz

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