Ärztin legt Hand auf Kopf von Patientin, die die Kühlhaube trägt
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Ein kühler Kopf bei Chemotherapie

Medizin
Reportage

Die Kälte von Kühlhauben, -handschuhen und -socken schützt Haarwurzeln und Nerven vor medikamentösen Nebenwirkungen im Kampf gegen Krebs.

Von Heike Kossdorff

Bei Katharina Janko (43) wurde im Frühjahr 2025 Brustkrebs diagnostiziert. Kurz danach sollte die Chemotherapie starten. Im Aufklärungsgespräch bot das onkologische Team des St. Josef Krankenhauses Wien der 43-jährigen Patientin an, dem zu erwartenden Haarausfall mittels einer Kühlkappe vorzubeugen. Eine Chance, die Janko dankbar ergriff. „Für mich war klar, nichts unversucht zu lassen, das mich unterstützt.“

Haarausfall ist eine häufige Nebenwirkung von Chemotherapien im Rahmen einer Brustkrebsbehandlung. Univ.-Prof. Dr. Leopold Öhler ist Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Onkologie und verweist auf die Medikation durch Zytostatika. „Sie wirken auf alle Zellen des Körpers, auch auf gesunde. Besonders betroffen sind alle sich schnell teilenden Körperzellen wie die gut durchbluteten Haarwurzeln.“ Auch wenn die Haare nach Beendigung der Chemotherapie wieder nachwachsen, ist der Ausfall für Betroffene eine Zusatzbelastung.

Nun gibt es die Chance, sie zu vermeiden. „Ein Baustein für eine erfolgreiche Therapie, die Patientinnen aktiv mitgestalten können“, erklärt Öhler. Das Prinzip der Kühlhaube ist simpel. Kälte bewirkt eine Verengung der Blutgefäße in der Kopfhaut. Damit werden die Haarfollikel, in denen Haare gebildet werden, weniger durchblutet. So erreicht das Tumormedikament die Haarwurzeln in deutlich geringerer Konzentration und schädigt sie nicht in größerem Ausmaß. Also fallen weniger Haare aus.

Bis zu sechs Stunden Kühlung

Die Kühlung bei gut zugedeckten Patient*innen beginnt eine halbe Stunde vor der Chemotherapie. „Dabei werden die Haare angefeuchtet und eine individuell angepasste Kappe aufgesetzt“, so Öhler. Letztere ist an ein Gerät angeschlossen, das über Schlauchsysteme den Kühlkreislauf ermöglicht. Während der Infusion wird die Kältetherapie fortgesetzt. Auch im Anschluss wird weitergekühlt. „Das kann je nach Chemotherapie bis zu sechs Stunden dauern.“ Die Kopfhaut wird auf eine Temperatur zwischen sechs und acht Grad gekühlt und fühlt sich an, „wie wenn eine Hand in sehr kaltes Wasser getaucht wird“.

Kälte bewirkt eine Verengung der Blutgefäße. Das schützt die Haarwurzeln.

Onkologe Univ.-Prof. Dr. Leopold Öhler

Univ.-Prof. Dr. Leopold Öhler

Leiter der Abteilung für Innere Medizin und Onkologie im St. Josef Krankenhaus Wien

Kälte gegen Nebenwirkungen

Manche Frauen erleben die Kälte oder den Kappendruck als unangenehm. „Sie klagen über Kopfschmerzen oder Platzangst“, berichtet der Onkologe. Doch 90 bis 95 Prozent der Patientinnen tolerieren das letztlich gut. Auch Janko. „Die Kappe fühlt sich wie ein großes Cool-Pack an.“ Die Patientin wandte die Zusatztherapie während ihres zwölfwöchigen Chemo-Zyklus einmal pro Woche an. Mit großem Erfolg. „Nach dem Duschen hatte ich nur ein paar Haare mehr als üblich im Sieb.“

Kälte ist auch bei anderen Nebenwirkungen der Chemotherapie im Einsatz, denn bestimmte Substanzen können Nerven in Händen und Füßen schädigen. Es kommt zur Polyneuropathie mit kribbelndem oder schmerzhaftem Ameisenlaufen, also Gefühllosigkeit und Taubheit. Letztere kann laut Öhler starke Ausmaße annehmen. „Betroffene können keine Knöpfe mehr schließen oder die Zeitung umblättern. Ist der Tastsinn der Füße betroffen, kann es zu Stürzen kommen.“

Um Hände und Füße zu schützen, wird eine Kombination aus Kühlung und Kompression angewandt. Spezielle Handschuhe und Socken drosseln die Durchblutung und sorgen dafür, dass weniger Zytostatika bis zu den Nerven vordringen. Ein wichtiges Angebot, schließlich entwickeln mehr als die Hälfte aller Tumor-Patient*innen eine Form der Polyneuropathie. Und schwere Nervenschäden könnten langfristig oder irreparabel sein. Doch bislang ist die Zusatztherapie nur in wenigen onkologischen Abteilungen verfügbar und muss von Betroffenen mit relativ geringen Eigenmitteln selbst finanziert werden. Die Kosten für die deutlich teurere Kühlhauben-Behandlung hingegen übernimmt das St. Josef Krankenhaus Wien.

Headerbild: Katharina Janko trägt wieder die angepasste Kühlkappe.
© St. Josef Krankenhaus Wien, Alek Kawka

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