
Expert*innen aus den Bereichen Gesundheit, Politik, Sozialversicherung und Wissenschaft diskutierten bei einem Werkstattgespräch der Vinzenz Gruppe darüber, wie die einzelnen Sektoren im Gesundheitssystem besser verbunden werden können.
Das österreichische Gesundheitssystem zeichnet sich durch hervorragende Qualität in seinen einzelnen Bereichen aus. Krankenhäuser, Ordinationen, Pflegeeinrichtungen und Therapeut*innen leisten ausgezeichnete Arbeit. Doch an den Schnittstellen dieser Sektoren geht Qualität, Effizienz und Patient*innenorientierung verloren. Unter dem Titel „Gesundheitsversorgung: Verbinden, was zusammengehört“ lud die Vinzenz Gruppe am 4. November 2026 zu einem Werkstattgespräch und anschließender Podiumsdiskussion in das Haus der Musik in Wien. Namhafte Fachleute aus Gesundheitswesen, Politik und Wissenschaft analysierten die derzeitigen Herausforderungen und diskutierten, welche Rahmenbedingungen es braucht, um die verschiedenen Sektoren besser miteinander abzustimmen.
Österreich liegt bei seinen Gesundheitsausgaben seit Jahren stabil unter den Top 10 der OECD, konkret gibt es 11,8 Prozent seines BIP für Gesundheit aus. Damit liegt es im internationalen Vergleich sehr weit vorne. Auch bei der Qualität der Medizin liegt Österreich im Spitzenfeld. Dennoch sind diese Statistiken ambivalent zu betrachten, betonte Michael Heinisch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe, in der Begrüßung, wenn man den Outcome dieser Kosten und Leistungen betrachtet. Denn die Zahl der gesunden Lebensjahre, die die Menschen in Österreich erwarten können, geht zurück. Heinischs Hypothese: „An den Übergängen zwischen den einzelnen Sektoren im Gesundheitswesen geht die ausgezeichnete Qualität der einzelnen Akteur*innen für die Patient*innen verloren.“ Daraus leitet Heinisch ab, dass die Schnittstellen im fragmentierten Gesundheitssystem zu einem zentralen Reformfeld der kommenden Jahre werden müssen. „Mit diesem Werkstattgespräch wollen wir einen Impuls setzen und aufzeigen, welche strukturellen, finanziellen und politischen Rahmenbedingungen es braucht, damit Kooperation zur Regel wird statt zur Ausnahme.“
Im ersten Impulsvortrag berichtete Veronika Böhmer, Leiterin des AKUTteams Niederösterreich, anschaulich aus ihrer Praxis. Dabei zeigte sie, wie Übergänge zwischen Rettung, Spital, niedergelassenem Bereich und sozialen Diensten für Patient*innen zur Hürde werden können. So alarmierte ein Diabetespatient immer wieder wegen Unter- oder Überzuckerung die Rettung. Auch Schulungen brachten keine Besserung. Erst im Gespräch mit dem AKUTteam wurde deutlich, dass der Mann sozial isoliert war und keinen Sinn darin sah, sich um seine Gesundheit zu kümmern. Die Rückkehr in sein früheres soziales Umfeld brachte schließlich die Wende – und entlastet seither Hausarzt und Rettung. „Wir sind Vermittler und Lotsen in diesem System und genau die braucht es dringend“, schloss Böhmer, die auch diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Sozialarbeiterin ist.
Peter McDonald, Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger und Obmann-Stellvertreter der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), ging der Frage nach, wo die Sozialversicherung Brücken zwischen den Sektoren bauen kann und was es dafür braucht. Die Qualität sei dabei nicht das Problem: „An jedem Pult sitzt Weltklasse – in den Spitälern, in den Ordinationen, in der Pflege. Was uns fehlt, ist nicht die Qualität. Was uns fehlt, ist der gemeinsame Takt.“ Die Übergänge zwischen den Sektoren gehörten heute zu keinem Bereich so richtig – jede Station leiste gute Arbeit, und trotzdem seien Patient*innen zwischen den Stationen oft allein: „Es sind selten Geschichten über schlechte Medizin. Es sind Geschichten über Übergänge.“ Drei Voraussetzungen nannte McDonald für eine gelingende Kooperation. Erstens müsse die Finanzierung der Versorgungsverantwortung folgen – eine Richtung, die Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung in der Reformpartnerschaft gemeinsam vereinbart hätten und die es nun umzusetzen gelte. Zweitens brauche es eine gemeinsame Planung und gemeinsame Daten, etwa für die vereinbarten Facharztzentren zwischen Hausarzt und Spital. Drittens klare Patient*innensteuerung – digital vor ambulant vor stationär – mit einem verbindlichen Termin vor der Entlassung. Gelenkt werden solle über Anreize, nicht über Zwang. Sein Fazit: „Unser System braucht kein Denkmal. Es braucht ein Update – und das gelingt nur gemeinsam.“
Die gesundheitsökonomische Evidenz integrierter Versorgung aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtete Judit Simon, Universitätsprofessorin und Leiterin der Abteilung für Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Universität Wien. „Dabei geht es darum, unterschiedliche Akteur*innen besser miteinander zu verknüpfen und damit die Voraussetzungen für eine bessere Versorgung zu schaffen.“ Je nach Grad und Form der Zusammenarbeit gebe es unterschiedliche Modelle integrierter Versorgung. Ein Beispiel seien Primärversorgungszentren, in denen unterschiedliche Anbieter*innen und Berufsgruppen auf derselben Versorgungsebene zusammenarbeiten. Bei einer vollständigen Integration verfolgen hingegen alle Beteiligten dieselbe Strategie, verfügen über gemeinsame Governance-, also Steuerungs- und Entscheidungsstrukturen, und teilen ein gemeinsames Budget. Unabhängig vom Integrationsmodell ist ein Faktor entscheidend, betont die Gesundheitsökonomin: Vertrauen. „Ohne Vertrauen ist eine integrierte Versorgung in der Praxis nicht möglich. Das übergeordnete Ziel muss es sein, die Konkurrenz zwischen den einzelnen Akteur*innen zu überwinden und ihre Zusammenarbeit zu fördern.“
An den Übergängen zwischen den einzelnen Sektoren im Gesundheitswesen geht die ausgezeichnete Qualität der einzelnen Akteur*innen für die Patient*innen verloren

Dr. Michael Heinisch
In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von „Presse“-Redakteur Köksal Baltaci, waren sich alle Teilnehmenden einig, dass „die Frage der Kooperation essenziell ist und genau das ist, was Patient*innen brauchen“, wie es Korinna Schumann, Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsument*innenschutz ausdrückte. „Wir brauchen eine Navigation durch das System und arbeiten gemeinsam mit den Ländern und der Sozialversicherung daran, dass alle Menschen an die richtige Stelle gelangen und dort die notwendige Behandlung oder Betreuung erhalten.“ Auf die Primärversorgungseinheiten sollen nun Facharztzentren und Pflege- und Therapiepraxen folgen. Auch der Ausbau der österreichweiten telefonischen Gesundheitsberatung 1450 sowie von der elektronischen Gesundheitsakte ELGA berge große Chancen.
Für Veronika Böhmer ist vor allem eine Erkenntnis entscheidend: „Gesundheit ist nicht gleich Medizin.“ Es gelte, darauf zu schauen, was Patient*innen tatsächlich brauchen, statt reflexartig die höchste und teuerste Ressource einzusetzen. Auch Judit Simon teilt diese Einschätzung: „Das Problem ist, dass unser derzeitiges System so aufgebaut ist, dass letztlich alle im Gesundheitssystem landen – unabhängig davon, ob sie ein medizinisches, soziales, psychisches oder anderes Problem haben.“ Es brauche daher Anlaufstellen, die nicht nur den Zugang zur medizinischen Versorgung ermöglichen, sondern auch dabei helfen, soziale Probleme außerhalb des Gesundheitssystems zu lösen – in Zusammenarbeit mit diesem.
Einigkeit besteht auch darüber, dass die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gestärkt werden muss. Peter McDonald warnte dabei vor einem Missverständnis: „Eigenverantwortung heißt nicht: Wer krank wird, ist selbst schuld. Eigenverantwortung heißt: Wer in seine Gesundheit investiert, verdient Anerkennung. Und wer im Übergang allein gelassen wird, kann keine Verantwortung übernehmen.“ Eine Solidargemeinschaft funktioniere nicht ohne Eigenverantwortung – und Eigenverantwortung nicht ohne ein System, das den richtigen Weg zum einfachsten mache. Es gehe darum, Spitzenmedizin auf E-Card für jede Generation zu sichern.
Zum Abschluss der Diskussion rückte Michael Heinisch einen weiteren wichtigen Hebel in den Fokus: die Finanzierungslogik im Gesundheitswesen. „Derzeit ist unser Gesundheitssystem stark auf die Finanzierung einzelner Leistungen ausgerichtet. Sektorübergreifende Pauschalbudgets, die mehrere Partner*innen gemeinsam verantworten, würden die Zusammenarbeit hingegen deutlich stärker fördern.
Headerbild: Die Teilnehmenden am Vinzenz Gruppe Werkstattgespräch (v.l.n.r.): Veronika Böhmer (Leiterin des AKUTteams Niederösterreich), Korinna Schumann (Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsument*innenschutz), Judit Simon (Universitätsprofessorin und Leiterin der Abteilung für Gesundheitsökonomie an der Medizinischen Universität Wien), Michael Heinisch (Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe), Peter McDonald (Vorsitzender der Konferenz der Sozialversicherungsträger und Obmann-Stellvertreter der Österreichischen Gesundheitskasse), Köksal Baltaci (Die Presse)
© Robin Weigelt