
Karin Killmann litt mit fast 150 Kilogramm unter krankhafter Adipositas und wurde mit einer neuen Kombinationstechnik am Magen operiert. Sie verlor damit bereits 53 Kilogramm.
Von Karin Lehner
Karin Killmann litt jahrelang an einer Schilddrüsenunterfunktion. Sie nahm schleichend zu. Diäten brachten statt Erfolg den Jo-Jo-Effekt. In der Folge erkrankte die 55-Jährige an Adipositas Grad III, hatte einen BMI von 57 und wog 149,6 Kilogramm. „Mit starken Schmerzen im Kreuz wie den Knien, Atemnot bei Bewegung und vergrößerter Leber war mein Alltag eingeschränkt“, erinnert sie sich. „Zudem fühlte ich mich psychisch belastet.“
Der Hausarzt verwies Killmann an das renommierte Adipositas-Zentrum im Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien. Als einzige Wiener Spezialeinrichtung wurde es im Herbst 2025 bereits zum dritten Mal von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zertifiziert. Nach dem Erstkontakt entschied sich die Kindergartenassistenz-Pädagogin für eine Magen-OP. Doch wegen der vergrößerten Leber musste sie schon davor Gewicht reduzieren. Sie wählte die Abnehmspritze und verlor 17 Kilogramm. Mangels Diabetes wurde die Therapie aber nicht von der Kranken-kasse übernommen. „Egal, denn ich wollte den Eingriff, weil es anders nicht mehr ging.“
Das Team des Adipositas-Zentrums um Primar Univ.-Prof. Dr. Alexander Klaus, Ärztlicher Direktor und Vorstand der Abteilung für Chirurgie im Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien sowie Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie, entschied sich wegen des krankhaften Übergewichts für die neue Operationsmethode SADI-S (Single Anastomosis Duodeno Ileal Bypass mit Sleeve). „Derzeit wird sie bei sehr hohen BMI ab 40 bzw. 50 oder Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes sowie Gicht empfohlen, weil damit 70 bis 80 Prozent des Übergewichts in den ersten zwei Jahren nach der OP nachhaltig verloren gehen.“ Der Chirurg rechnet mit steigenden Fallzahlen. „Künftig werden wir die neue Methode auch bei Patient*innen mit niedrigerem BMI anwenden, weil hier die Magenverkleinerung nicht so dramatisch wie beim Magenbypass ist und eine verbesserte Langzeitprognose bietet.“
Ich wollte den Eingriff, weil es anders nicht mehr ging.

Karin Killmann
Offizielle Zahlen in puncto Adipositas-Grad-III-Betroffene gibt es in Österreich nicht. Laut Statistik Austria haben 16 bis 17 Prozent der Bevölkerung einen BMI über 30. Krankhaftes Übergewicht haben davon drei bis vier Prozent, einen BMI über 50 nur ein kleiner Teil. Das Spital ist bis dato das einzige Krankenhaus der Vinzenz Gruppe, das für Patient*innen mit krankhaftem Übergewicht die SADI-S-OP anbietet. Rund zehn Prozent werden hier bereits damit operiert. In Wien kommt sie sonst nur am AKH zum Einsatz.
Die neue Methode kombiniert den Schlauchmagen (Sleeve-Resektion) mit dem Omega-Loop-Bypass. „Hier wird der Magen zu einem Ärmel bzw. Schlauch verkleinert“, erklärt Klaus. Die Verbindung zum Dünndarm wird nach dem Magenschließmuskel angelegt und damit der erste Darmabschnitt umgangen. „Durch die Verkürzung wird Nahrung nicht mehr vollständig aufgenommen.“
Im Adipositas-Zentrum assistiert beim rund 90-minütigen Eingriff der Da Vinci-Roboter. Das Hightech-Gerät ermöglicht eine minimalinvasive, schonende OP. „Unser digitaler Assistent hat vier Arme mit handgelenkähnlicher Verbindung. Damit können wir die 300 Zentimeter des Darms exakt abmessen und dank dreidimensionaler Kamera im Bauch auf kleinem Raum noch exakter nähen.“ Das Sterblichkeitsrisiko liegt bei niedrigen 0,1 Prozent, aber es gibt Risiken wie nach jeder OP, beispielsweise Blutungen, Entzündungen oder dass die neue Verbindung nicht richtig verheilt. „Doch die kurze OP-Zeit minimiert die Risiken“, entwarnt Klaus.
Killmann hatte nach dem Aufwachen keinerlei Schmerzen. Trinken durfte sie sofort, essen erst am nächsten Tag. Und das bereits daheim. „Allerdings habe ich nur zwei bis drei Bissen hinuntergebracht.“ In pürierter Form die ersten 14 Tage nach dem Eingriff. Nun genießt sie täglich drei kleine Mahlzeiten und zwei Mini-Snacks in Form von Protein-Shakes oder Magerjoghurts mit Obst. „Aber nur die halbe Portion. Ich kenne meine neuen Grenzen.“ Klaus empfiehlt die Supplementation von Kalzium, Eisen, Vitaminen und Protein. „Durch die Verkleinerung des Magens und Verkürzung des Darms wird oft zu wenig aufgenommen.“
der notwendigen Knie-OP. Mit 96 Kilogramm und damit um 53 Kilo erleichtert, konnte sie in der Reha problemlos Kraftübungen, Wassergymnastik und Ergometer-Einheiten absolvieren. „Ich bekomme viel besser Luft, mein Blutdruck ist stabil und ich kann wieder längere Strecken gehen.“ Dennoch will sie noch weitere 20 Kilogramm abnehmen. „Ich habe es selbst erst spät realisiert, aber man braucht Hilfe, bevor man psychisch auf dem Boden ist. Alleine geht es nicht“, spricht sie anderen Adipositas-Patient*innen Mut zu. Kolleg*innen und Freund*innen erkennen sie nicht wieder. „Ich bin ein ganz neuer Mensch.“
Headerbild: Die erleichterte Patientin und ihr Chirurg Alexander Klaus.
© Alek Kawka