Patient sitzt bei Ärztin
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Klein, aber oho

Medizin
Reportage
Innovation

Die kleinen Schwestern der prominenten Schilddrüse sind sogar bei medizinisch Interessierten kaum bekannt. Ein Patient und seine Ärztin berichten, warum er sich von seinen winzigen Nebenschilddrüsen trennen musste.

Von Karin Lehner

Bei einem Blutbild erhielt Nils Flatz einen Zufallsbefund. „Es wurden erhöhte Werte von Kalzium und des Parathormons festgestellt.“ Das kann auf die Überfunktion der Nebenschilddrüsen hindeuten, die dritthäufigste endokrine Erkrankung. Vier linsengroße Drüsen hinter der Schilddrüse sind für die Produktion des Parathormons verantwortlich. Es ist für den Körper essenziell und regelt den Spiegel von Kalzium im Blut, indem es Letzteres aus Knochen freisetzt. Läuft der Prozess via Überschuss aus dem Ruder, drohen Nierensteine, Osteoporose, schmerzhafte Ablagerungen in Muskeln und Gelenken sowie Magen- und Darmbeschwerden.

90 OPs an der Schilddrüse pro Jahr

Der 25-Jährige kam aufgrund einer Empfehlung ins Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien. Oberärztin Dr.in Doris Reinwald-Jaksche ist hier Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie und operiert mit ihrem Team pro Jahr bis zu 90 Patient*innen an der (Neben-)Schilddrüse. Offizielle Zahlen zu Nebenschilddrüsen-Patient*innen gibt es in Österreich nicht. „Nach entsprechender Abklärung ist die einzige Therapie bei einer primären Überfunktion die chirurgische Entfernung der erkrankten Nebenschilddrüse.“ Der Körper kommt mit ein bis zwei Exemplaren aus. „Fällt eine aus, übernehmen andere die Funktion.“

Die Erkrankung wird häufig erst spät diagnostiziert, bei mehr Frauen als Männern. Flatz war dennoch betroffen. „Ich wurde genau über die OP aufgeklärt und hatte keine Angst.“ Die Entfernung erfolgt minimalinvasiv über ein bis zwei Zentimeter große Schnitte, die in eine Hautfalte gelegt werden, damit eine Narbe später unsichtbar ist. Der Einsatz des Farbstoffs Indocyanin-Grün (ICG) ist nicht immer nötig. „Mittels einer High-Sensitive-Infrarotkamera werden Nebenschilddrüsen fluoreszierend sichtbar. Sie leuchten auf, sogar 24 Stunden nach ihrer Entnahme.“

Regeneratives Organ

Aufgrund ihrer sensiblen Lage sollten sie nur erfahrene Chirurg*innen operieren. „Nebenschilddrüsen liegen in der Nähe von Nerven“, weiß Reinwald-Jaksche. „Wird hier etwas verletzt, droht Heiserkeit.“ Parallel zum Eingriff läuft eine Echtzeit-Labordiagnostik ab. „Wir messen das Parathormon während der OP, damit ein Nachweis vorliegt, dass die vergrößerte Drüse erfolgreich entfernt wurde.“ Obwohl nur rund 30 Minuten operiert wird, verbringen Patient*innen aufgrund der Laboranalyse circa zwei Stunden in Narkose.

Sollte bei anderen Schilddrüsen-OPs irrtümlich eine Nebenschilddrüse entfernt worden sein, punktet das kleine Organ mit einer erstaunlichen Fähigkeit. „Dann wird es in kleine Stücke zerteilt und Patientinnen und Patienten während des Eingriffs wieder in den Hals implantiert“, so die Chirurgin. „Es nimmt seine Funktion bald danach wieder auf.“

Kalziummangel lässt kribbeln

Nachblutungen oder Wundinfektionen sind selten. Operierte verlassen das Spital meist nach ein bis zwei Nächten. Flatz spürte nur „ein Kribbeln in den Händen“. Die Folge des Kalziummangels, weiß Reinwald-Jaksche. „Das gibt sich, sobald die gesunden Drüsen die Arbeit übernehmen.“ Bis die Laborwerte wieder ausgeglichen sind, nimmt der Patient Kalzium und Vitamin D zu sich. Anderen rät Flatz: „Nicht zögern, sondern die OP machen lassen. Sie ist nicht schlimm.“

Bösartige Nebenschilddrüsen-Karzinome kommen sehr selten vor. Häufiger sind gutartige, aber hormonproduzierende Tumore. Eine Unterfunktion der Nebenschilddrüsen tritt meist nur dann auf, wenn sie durch eine andere (Schilddrüsen-)OP geschädigt wurden. Hier wird mit Kalzium und Vitamin D therapiert. Reinwald-Jaksche rechnet künftig mit mehr Patient*innen, die mit erhöhtem Parathormonwert vorstellig werden. Schuld sind Abnehmspritzen, die den Wert steigern. „Dahinter steckt zwar meist keine Erkrankung der Nebenschilddrüsen, aber eine Abklärung ist zur Vermeidung gesundheitlicher Folgen wichtig.“

Ärzte im Operationssaal
Während einer Operation
Drüse wird entnommen
Nebenschilddrüse am Bildschirm
Während einer Operation
Drüse wird entnommen
Nebenschilddrüse am Bildschirm
Röntgenbild der Schilddrüse und Nebenschilddrüse

Headerbild: Nils Flatz und seine Chirurgin Doris Reinwald-Jaksche treffen einander zur Nachkontrolle und Besprechung.
© Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien

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