
Die pensionierte Seelsorgerin Martina Stadlbauer betreut Neugeborene, die den Anfang ihres Lebens ohne Eltern verbringen müssen. Als eine der Ersten im essenziellen Ehrenamt.
Von Claudio Honsal
Martina Stadlbauer kommt ins Sinnieren, wenn sie die Neugeborenenstation im St. Josef Krankenhaus Wien verlässt. Sie ist hier seit 2023 als Babybesucherin tätig. „Manchmal denke ich wehmütig darüber nach, was wohl aus den Kleinen wird.“
Sie war eine der Ersten, die den ehrenamtlichen Besuchsdienst als Unterstützung der Pflegekräfte ausübt, und betreute schon viele Babys, die ihre ersten Lebenswochen ohne ihre Eltern verbringen müssen.
Kompetenz und Einfühlungsvermögen bringt Stadlbauer mit. Bis zu ihrer Pensionierung 2023 war sie in der Klinik als Seelsorgerin tätig. „Schon während meiner aktiven Zeit begleitete ich Mütter auf der Neonatologie seelsorglich. Als es einmal ein Kind gab, das dringend jemanden zum Kuscheln brauchte, bin ich eingesprungen.“ Ihre Dienste sind flexibel und werden von der Station koordiniert. Die zehn Kolleginnen* im Baby-Besuchsdienst, der seit 2023 existiert, kommen aus völlig unterschiedlichen Berufen, beispielsweise der Pflege.
Es gibt viele Gründe, warum Babys ohne Eltern im Spital sind. „Wir werden eingesetzt, wenn die Familie für das Bonding mit dem Kind ausfällt“, erklärt die Babyflüsterin. „Oft sind das Kinder, die in schwierige soziale Verhältnisse hineingeboren werden.“ Beispielsweise, wenn ihre Mütter drogen- oder alkoholsüchtig, obdachlos oder einfach nicht in der Lage sind, ihr Kind selbst großzuziehen. „Eine obdachlose Mutter erschien nur für die Geburt in der Klinik und verschwand danach unauffindbar“, erinnert sich Stadlbauer.
Also versucht sie, Neugeborenen zumindest für ein paar Stunden körperliche und emotionale Bindung zu schenken. Nähe ist in der Zeit nach der Geburt essenziell. „Sozialer und körperlicher Kontakt muss so früh wie möglich stattfinden, durch Interaktionen, Kuscheln und Reden.“ Daher unterstützt sie das Pflegepersonal auf der Kinder- oder Neonatologie-Station aus ganzem Herzen.
Die Babyflüsterin Martina Stadlbauer / © St. Josef Krankenhaus Wien
Wenn Stadlbauer in den Dienst gebeten wird, verbringt sie die Zeit meist in einem Zimmer der Kinderstation. Sie nimmt das Baby in den Arm oder legt es auf ihre Brust, wo es oft tief und fest einschläft. „Ich weiß leider nicht, was die Kinder neun Monate im Bauch der Mutter erlebt haben. Aber der Körperkontakt und die Atmung beruhigen sie sehr.“
Besonders herausfordernd sind Neugeborene mit dem neonatalen Abstinenzsyndrom, sogenannte NAS-Babys. Die Kinder waren während der Schwangerschaft mütterlichem Drogen- oder Alkoholkonsum ausgesetzt und kommen süchtig zur Welt.
Sie müssen erst einen wochenlangen Entzug durchstehen, um später in eine Pflegefamilie integriert werden zu können. „Mit diesen armen Babys kann ich manchmal gar nicht auf der Station kuscheln, weil sie nicht aufhören zu weinen, sobald sie aufgewacht sind. Also gehe ich mit ihnen zur Beruhigung auf dem Gang spazieren“, spricht Stadlbauer aus trauriger Erfahrung.
Auf der Station wird für jedes verwaiste Baby ein eigenes Tagebuch geführt. Mit Fotos und kleinen Einträgen werden hier die ersten Wochen im Leben des Kindes festgehalten. Ein Andenken, das den Babys mitgegeben wird, wenn sie das Krankenhaus verlassen. „Damit die Kinder eines Tages erfahren, dass in den ersten Wochen und Monaten jemand da war, der sich um sie gekümmert und mit ihnen gekuschelt hat.“
Headerbild: Das Babytagebuch wird den Kindern später helfen, ihren Lebensanfang besser zu verstehen.
© Alek Kawka