
Neurologische Erkrankungen können sich auf den Bewegungsapparat auswirken. Betroffenen Kindern wird mit verschiedenen Therapien geholfen, möglichst selbstständig und mobil zu werden.
Von Heike Kossdorff
Sophia wurde mit Trisomie 21 geboren. Sie lernte deshalb erst mit etwa zweieinhalb Jahren verzögert zu gehen. Doch leider nicht für lange, erinnert sich ihre Mutter Fatima R. „Nur einige Monate später konnte sie weder stehen noch gehen. Und ich musste ihr beibringen, mit dem Rollstuhl zu fahren, während andere Eltern ihre Kinder das Fahrradfahren lehrten.“
Untersuchungen zeigten rasch die Ursache. Eine Bandinstabilität und Überbeweglichkeit hatten zur Verschiebung der Kniescheiben geführt. Oberarzt Dr. Alexander Krebs, MSc, ist Leiter des Spezialteams Neuroorthopädie im Orthopädischen Spital Speising und in Sophias Behandlungsteam. „Normalerweise liegt die Kniescheibe vor dem Gelenk. Das ist für die Kniestreckung und Muskulatur wichtig. Bei der Patientin waren jedoch beide Kniescheiben seitlich verrutscht. Das führte dazu, dass das Knie keine aktive Streckfunktion hatte und die Kniestabilität nicht gegeben war. Deshalb konnte sie nicht gehen.“
Um die Kniescheiben wieder in die anatomisch richtige Position zu bringen und zu fixieren, musste das Mädchen operiert werden. „Da das ein sehr großer Eingriff ist, operierten wir beide Knie in einem Abstand von einem Jahr nacheinander. Im Anschluss folgte jeweils die Gipsruhigstellung, um die Einheilung der Muskulatur zu gewährleisten“, beschreibt der orthopädische Chirurg die OP.
Im Röntgen zeigt sich die Position von Sophias Kniescheiben.
© Alek Kawka
Beim ersten Eingriff war Sophia fünf Jahre alt, beim zweiten sechs. Heute ist sie sieben und ihre Kniegelenke sind so stabil, dass sie wieder gehen kann. „Noch nicht lange und weit, aber so, dass sie sich in der Wohnung holen kann, was sie braucht. Auch in der Schule ist sie nun ohne Rollstuhl unterwegs“, freut sich ihre Mutter.
Im hoch spezialisierten Team rund um Krebs befinden sich Orthopädinnen und Orthopäden, die Kinder und Jugendliche therapieren, die aufgrund neurologischer Erkrankungen Probleme mit dem Bewegungs- und Stützapparat haben. „Die Neuroorthopädie ist ein sehr breites Feld“, erklärt der orthopädische Chirurg.
Betroffen sind Kinder mit allgemeinen Entwicklungsverzögerungen, genetischen Syndromen wie Trisomie 21, genetisch bedingten und schon oft im Kindesalter auftretenden Fußfehlstellungen oder Nervenleitungsstörungen beziehungsweise Zerebralparese. Das ist eine Entwicklungsstörung des Gehirnes, die zu verschieden ausgeprägten Lähmungen und Bewegungs-, Wahrnehmungs- sowie Lernstörungen führt.
Bei den Krankheitsbildern ist es wichtig, rechtzeitig mit einer der vielen Therapiemöglichkeiten zu starten, zum Beispiel mit Physio- und Ergotherapien, Hilfsmitteln wie Sitz- und Stehunterstützungen oder orthopädischen Schuhversorgungen beziehungsweise einer angepassten Rollstuhlversorgung. „Nur so erzielen betroffene Kinder die bestmögliche Entwicklung“, weiß Krebs.
In vielen Fällen sind jedoch Operationen nötig. So sind bei Patient*innen mit angeborener spastischer Zerebralparese Hüftprobleme häufig und werden im Laufe der Jahre schlimmer. Schwere Fuß-Komplikationen wie Klump- oder Plattfüße können operativ gut behandelt werden, ebenso verkürzte Muskeln. „Viele Muskelverlängerungen können wir mittlerweile auch schon minimalinvasiv operieren“, betont Krebs. „Hier wird ein kleiner Hautschnitt gesetzt und die äußere Faszien-Hülle eingeritzt, die aus einem sehr festen, sehnenartigen Gewebe besteht. Damit können die darunterliegenden Muskelfasern auseinander gleiten.“
Im Gegensatz zu anderen Feldern der Orthopädie können die meisten Bewegungsstörungen aber nicht geheilt werden, weil die zugrunde liegende neurologische Problematik auch mit einer OP nicht verändert werden kann. „Aber wir können viel für die Lebensqualität der Patient*innen tun. Also für mehr Mobilität und dadurch Selbstständigkeit sorgen und in vielen Fällen auch für weniger Schmerzen. Dadurch ist meist schon sehr viel gewonnen“, weiß Krebs aus der Praxis.
Alexander Krebs (2. v. re.) und Robert Csepan (ganz rechts) mit ihrer Patientin Sophia, die dank zweifacher Knieoperation wieder gehen kann.
© Alek Kawka
Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Zusammenarbeit von Orthopädie, Neuropädiatrie, Physio- und Ergotherapie sowie Orthopädietechnik. Eine wichtige Rolle spielt auch das hauseigene Gang- und Bewegungslabor. „Bei Kindern, die gehfähig sind und Auffälligkeiten des Gangbildes haben, können wir hier eine computergestützte Untersuchung sämtlicher Gelenke während des Gangzyklus machen‘“, erläutert Krebs. „Dadurch bekommen wir eine objektive und wesentlich bessere Datenlage als beim Beobachten mit dem freien Auge.“ Auch die Analysen für Operationsentscheidungen oder Verlaufskontrollen finden im Gang-Labor statt.
Ziel des engagierten Teams ist immer das bestmögliche Ergebnis für junge Patient*innen. Wie im Falle von Sophia, die vor ihren Operationen sehr unglücklich war. Ihre Mutter erinnert sich. „Einmal haute sie sich zornig auf die Beine, weil sie andere Kinder beobachtet hatte, die herumgelaufen sind. Doch ihr selbst war das damals nicht möglich.“ Heute kann sie wieder gehen. Das Spitalsteam unterstützt sie auch in den nächsten Jahren auf dem Weg, dabei immer besser zu werden.
Mit ihrem breiten und hochspezialisierten Leistungsspektrum ist die Abteilung für Kinderorthopädie in Österreich einzigartig.
Das Team unter der Leitung von Primaria Univ.-Prof.in Dr.in Catharina Chiari, MSc, befasst sich schwerpunktmäßig mit dem gesamten Spektrum von angeborenen oder erworbenen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates im Kindes- wie Jugendalter. Ein wichtiger Faktor für die Expertise ist die sehr hohe Fallzahl, selbst bei Erkrankungen, die selten sind. So können viele Spezial-Ambulanzen für die Bereiche Klumpfuß, Kinderhüfte, Kinderhand, seltene Knochenkrankheiten, Skoliose sowie Extremitäten-Rekonstruktion angeboten werden.
Ein wichtiger Schwerpunkt sind Beinverlängerung und Deformitäten-Korrektur. Für die Behandlung kommen Patient*innen aus ganz Österreich und über Hilfsprojekte aus dem Ausland. Fehlstellungen oder Beinverkürzungen können durch Krankheiten oder Syndrome bedingt sein, schon bei Geburt sichtbar sein oder nach Frakturen oder Knochenbrüchen entstehen.
Orthopädin Chiari checkt einen einstigen Klumpfuß.
© Orthopädisches Spital Speising
Etwa eines von 1.000 Neugeborenen ist hierzulande von der Diagnose Klumpfuß betroffen. Bei der Fehlstellung ist der Fuß nach innen gedreht und zeigt nach unten. Die Behandlung beginnt oft kurz nach der Geburt mit der nicht-operativen Ponseti-Methode. Hier wird mit schrittweisem Dehnen und Gipsen der Fuß sanft in die richtige Position gebracht, gefolgt von einer Schiene zur Sicherung des Ergebnisses. Die heute weltweit führende Therapie wurde vor mehr als 20 Jahren von zwei Kinderorthopäden aus Speising in Österreich eingeführt. Die Abteilung hat im deutschsprachigen Raum die größte Erfahrung mit der Methode und therapiert damit jährlich bis zu 60 Klumpfüße bei Neugeborenen.
Ein weiterer Kernbereich ist die Behandlung des Hüftgelenks, vom Säugling bis zum jungen Erwachsenen. Die Expertise reicht von der Hüftsonographie über die Behandlung ausgerenkter Hüftgelenke bis hin zu komplexen Hüftrekonstruktionen sowie Operationen bei Fehlbildungen der Hüftpfanne.
Korrektur einer Hüftfehlstellung beim Baby
© Orthopädisches Spital Speising
Headerbild: Sophias Mutter, Fatima R., begleitet ihre Tochter zu allen Terminen.
© Alek Kawka