Chirurgen-Team mit Da-Vinci-Roboter
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Rettungsnetz bei Darmvorfall

Medizin
Reportage
Innovation

An Rektumprolaps leiden vor allem Frauen. Weil die Erkrankung noch immer ein Tabu ist, erfolgt der operative Einsatz eines Netzes oft erst spät. Eine Betroffene spricht über ihren Weg.

Von Karin Lehner

Michaela Sonntag hat einen jahrelangen Leidensweg hinter sich. Beim Niedersetzen und auf der Toilette bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. „Anfangs hatte ich das Gefühl, dass die Blase oder der Darm gestört sind. Später trat etwas Sichtbares aus.“ Die 66-Jährige hatte Schmerzen und konnte keinen Sport mehr betreiben. Radfahren war unmöglich, erinnert sich die Patientin. Die Pensionistin litt zuletzt an einer Blasenentzündung und hatte Schwierigkeiten bei der Darmentleerung. „Meine Lebensqualität lag bei null. Dazu kam die Hemmung, über das Tabuthema zu sprechen.“

Nach einem Besuch beim Gynäkologen wurde ihr Oberärztin Dr.in Michaela Lechner empfohlen, Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien und Präsidentin der Medizinischen Kontinenz-Gesellschaft. Sie diagnostizierte einen Rektumprolaps, also Darmvorfall.

„Dr.in Lechner war eine große Stütze und sehr zuvorkommend. Ich fühlte mich bei ihr vom ersten Augenblick an gut aufgehoben“, erinnert sich die Patientin. Auf die vorgeschlagene OP habe sie sich ob des großen Leids zuletzt „sogar gefreut“.

Fast nur Frauen betroffen

Beim Rektumprolaps treten Teile des Mastdarmes durch den After nach außen. Der Austritt kann zwischen zwei und zehn Zentimeter betragen. Dieser Darmvorfall kann entstehen, wenn der ringförmige Schließmuskel und die stützende Beckenbodenmuskulatur geschwächt sind, etwa durch altersbedingte Veränderungen im Stütz- und Bindegewebe. Laut der Chirurgin „sind zu 90 Prozent Frauen betroffen“. Schließlich gehören Schwangerschaft, Geburt oder eine Gebärmutterentfernung zu den Risikofaktoren. Auch chronische Verstopfung mit starkem Pressen zählen dazu.

Offizielle Zahlen in puncto Darmvorfall gibt es in Österreich nicht. Der Literatur zufolge ist rund ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Typische Warnsignale sind ein sichtbares Hervortreten von Darmanteilen, Druckgefühl im Becken, Juckreiz, Nässen oder Blutungen im Analbereich. Viele Patient*innen berichten über das Gefühl unvollständiger Entleerung oder über Stuhl-, Harn-oder Gasinkontinenz.

Minimalinvasive Operation

Für die Diagnose reicht meist der Blick von erfahrenen Koloproktologinnen* und Koloproktologen* im Rahmen einer klinischen Untersuchung. Doch es können auch bildgebende Verfahren wie ein MRT während der Stuhlentleerung zum Einsatz kommen. „Die Koloskopie spielt eine wichtige Rolle, um andere Darmerkrankungen auszuschließen“, erklärt Lechner. Das Tabuthema löst bei Betroffenen als Folge oft soziale Isolation aus. „Der Darmvorfall ist eine große Belastung, wie ich häufig bei meinen Patientinnen und Patienten sehe. Doch das Leid kann mit einem minimalinvasiven Eingriff beendet werden. Leider erfolgt diese OP aus falscher Scham jedoch oft erst spät.“

Ärztin führt Gespräch mit Patientin.

Chirurgin Michaela Lechner (li.) hat Michaela Sonntag vom Leiden erlöst. © Göttlicher Heiland Krankenhaus

Diese Operation ist bei einem Darmvorfall unumgänglich. Die meisten Patient*innen können minimalinvasiv über den Bauch behandelt werden. Oft kommt dabei der OP-Roboter Da Vinci zum Einsatz. Er ermöglicht noch mehr Präzision. Bei älteren Patient*innen erfolgt der Eingriff transanal von unten. Die Operationstechniken können auch mit Kreuzstich oder sogar in Lokalanästhesie erfolgen. „Die Eingriffe sollten immer von spezialisierten Chirurginnen und Chirurgen durchgeführt werden“, erklärt Lechner. Ein Rektumprolaps kann zwar leider wiederkommen, vor allem, wenn eine Bauchoperation nicht möglich ist. „Aber ein künstlicher Darmausgang ist nie erforderlich“, beruhigt die Fachärztin.

Kein Tabu und gut behandelbar

Im Anfangsstadium der Darmsenkung können noch konservative Behandlungsmöglichkeiten wie Beckenbodentraining, Physiotherapie oder unterstützend sogenannte Pessare helfen. Ist die Erkrankung weiter fortgeschritten, ist der operative Eingriff nötig. Danach sind Patient*innen zwei bis vier Tage zur Überwachung im Spital. „Sie dürfen sofort nach der OP aufstehen und essen“, so Lechner.

Michaela Sonntag hatte danach für einige Tage einen Katheter. Doch sie spürte sofort eine Veränderung. „Das Leiden war weg. Jetzt beginnt ein neues Leben.“ Anderen Betroffenen rät sie, nicht monate- oder jahrelang still vor sich hin zu leiden, sondern rechtzeitig kompetente Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Bitte nicht abwarten und immer sofort zu Proktologinnen und Proktologen gehen. Die Krankheit ist kein Tabu und wirklich gut behandelbar.“

Headerbild: Zum Team der Proktologin gehört der Da-Vinci-Roboter.
© Alek Kawka

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