Arzt zeigt auf Bildschirme mit Rücken und Röntgen von Wirbelsäule
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Rücken ins Lot bringen

Medizin
Reportage
Innovation

Bei Kindern und Jugendlichen kann die Wirbelsäule verdreht und krumm wachsen. Doch Operationen können das Rückgrat wieder begradigen.

Von Heike Kossdorff

Benjamin fällt auf, wenn er den Raum betritt. Schließlich ist er 2,03 Meter groß, hat eine sportliche Statur und aufrechte Haltung. Kaum vorstellbar, dass der 21-jährige Student bis vor einem Jahr unter schwerer Skoliose litt. Bei der Wachstumsstörung drehen sich die Wirbelkörper um die Längsachse. Das wird in einer seitlichen Verkrümmung auffällig.

3 % der Bevölkerung betroffen

Die häufigste Form ist die idiopathische Adoleszenten-Skoliose, also eine Verkrümmung, die Heranwachsende im stärksten Wachstum trifft. Die Ursache ist unbekannt. Betroffen sind rund drei Prozent der Bevölkerung. Etwa ein Zehntel mit so starker Ausprägung, dass eine Operation angedacht wird. Die Therapie hängt vom Ausmaß der Verkrümmung ab, dem Cobb-Winkel, und der Wachstumsphase der Patient*innen.

Starke Krümmung ist gefährlich

Oberarzt Dr. Stefan Schenk ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie am Wirbelsäulenzentrum des Orthopädischen Spitals Speising und auf Skoliose spezialisiert. „Ab 10 Grad ist Physiotherapie angezeigt. Ab 20 Grad ziehen wir ein Korsett in Erwägung, ab 40 bis 50 Grad eine OP. Und ab 80 Grad kann die Lungenkapazität Betroffener eingeschränkt sein. Ist der Lungenkreislauf mehr belastet, wird ein Eingriff dringend empfohlen.“

Benjamin steht aufrecht, während Oberarzt Stefan Schenk das Lot anlegt, um zu prüfen, ob der Rücken gerade ist oder eine seitliche Verschiebung vorliegt. © Alek Kawka


Ein Korsett soll das Fortschreiten der Verkrümmung stoppen oder verlangsamen. Dafür soll es 23 Stunden getragen werden. Auch Benjamin trug ab zwölf Jahren viereinhalb Jahre ein Korsett. „Es ist warm, einengend und man schwitzt darunter.“ Dennoch hielt er durch, weil er wusste, dass er es „für die eigene Gesundheit macht“.
Zusätzlich absolvierte er regelmäßig Physiotherapie, um die Muskulatur zu stärken und Haltung zu verbessern.

Stäbe und Schrauben für Stabilität

Weil seine Skoliose aufgrund einer 70-Grad-Krümmung sehr ausgeprägt war, entschied er sich für die Operation. „Mir ging es darum, Symmetrie herzustellen. Durch das schiefe Gehen und unsichere Gleichgewicht habe ich mich in meinem Körper nicht wohlgefühlt.“ Entscheidend seien die gute Aufklärung und das Vertrauen zum Arzt gewesen.

Der Eingriff braucht laut Schenk den passenden Moment. „Patientinnen und Patienten sollten möglichst jung, das Knochenwachstum aber ausreichend abgeschlossen sein, damit es zu keiner gravierenden Verschlechterung durch das Restwachstum kommt.“ An die sechs Stunden dauerte der Eingriff bei Benjamin. „Eine sehr komplexe OP“, erklärt der orthopädische Chirurg. „Die Wirbelsäule wird freigelegt und destabilisiert. Wir nehmen knöcherne Strukturen weg und machen so das System lockerer, damit wir besser korrigieren können. Anschließend werden Schrauben oder Haken an den Wirbelkörpern verankert. Und in den Schraubenreihen Stäbe aus Metall, über die die korrektive Kraft eingeleitet wird.“ Am Röntgenbild sieht das wie ein Gerüst aus.

Stefan Schenk demonstriert am Wirbelsäulenmodell, wie die Verkrümmung zustande kommt. © Alek Kawka

Sport sechs Wochen nach der OP

Ein Jahr dauert der Heilungsprozess. In diesem Zeitraum soll die Wirbelsäule verknöchern und teilweise versteifen. „Aber schon nach sechs Wochen können Betroffene Fitness, Schwimmen oder Yoga beginnen“, erklärt Schenk. „Nach einem Jahr ist alles erlaubt.“

Benjamin spielt heute begeistert Beachvolleyball und fährt Ski, dabei genießt er ein anderes Körpergefühl. „Früher habe ich die Schwünge auf jeder Seite anders wahrgenommen. Jetzt sind sie endlich symmetrisch. Und beim Volleyball habe ich nun keine Angst mehr, mich in den Sand zu werfen, weil ich sicher sein kann, dass die Wirbelsäule stabil bleibt.“

Bei der Kontrolle nach der Operation macht der Orthopäde einen Vorbeugetest und hält eine spezielle Wasserwaage (Scoliometer) an die Wirbelsäule. © Alek Kawka

Kooperation

Die Skoliose-Ambulanz ist abteilungsübergreifend: Die Kinderorthopädie behandelt konservativ mit Korsett. Die OP bei Jugendlichen und Erwachsenen übernimmt die Wirbelsäulenchirurgie.

Headerbild: Die Röntgenbilder zeigen die Verkrümmung von Benjamins Wirbelsäule vor der Operation.
© Alek Kawka

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