
In sozialen Medien vermitteln Influencer*innen ein übertriebenes Schlankheitsideal. Welchen Einfluss das auf die Entstehung von Magersucht hat und was Eltern unternehmen können.
Von Heike Krossdorff
Wer in sozialen Netzwerken aktiv ist, stößt vermehrt auf Inhalte, die sehr dünne Körper zelebrieren. Unter Begriffen wie „SkinnyTok“, „Skinny Girl Mindset“ oder „thinspiration“ erlebt ein extremes Schlankheitsideal ein Comeback, das an den „Heroin Chic“ der 1990er-Jahre erinnert. Die gezeigten Bilder und Videos konfrontieren junge Menschen mit scheinbar perfekten Körpern, die jedoch durch Filter und Bildbearbeitung optimiert wurden.
Ing.in Claudia Fuchs ist Psychotherapeutin und Leiterin der Psychotherapie bei sowhat, dem Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen. Sie weiß, dass der Trend speziell für Kinder und Jugendliche Gefahren birgt. „Junge Menschen sind aufgrund ihrer Entwicklungsphase besonders vulnerabel und anfällig für psychische Erkrankungen. Bei ihnen können diese unrealistischen Schönheitsideale das Risiko für eine verzerrte Selbstwahrnehmung, ein geringes Selbstwertgefühl und gestörtes Essverhalten erhöhen.“
Natürlich ist nicht jeder Teenager anfällig dafür, betont die Expertin. Gefährdet sind vor allem jene, die sehr unsicher sind oder ihr Gewicht häufig thematisieren. Für sie können falsche Vorbilder aus sozialen Medien zum Anlass für eine Essstörung werden. „Wenn man Sehnsucht nach dem vermeintlich perfekten Körper hat und ständig präsentiert bekommt, wie einfach das sein soll, kommt oft ein Schamgefühl dazu, warum man es selbst noch nicht geschafft hat“, weiß Fuchs aus der Praxis. „Dann hoffen viele, in irgendeinem Beitrag den Schlüssel zu der immer noch verschlossenen Tür zu finden.“
So kann Social-Media-Konsum in ein Suchtverhalten kippen, denn Algorithmen merken sich, nach welchen Inhalten gesucht wird. Wer sich mehrfach nach Diät- oder Abnehm-Tipps umschaut, bekommt künftig eine Flut ähnlicher Inhalte ausgespielt. Zusätzlich verstärkt das Feedbacksystem aus Likes und Kommentaren den Druck.
„Für uns ist es wichtig zu wissen, welche Inhalte in sozialen Medien erzählt werden und wo gegen das Gesundwerden gearbeitet wird“, erklärt Fuchs. Schließlich finden Betroffene hier auch Gleichgesinnte, die den Eindruck verstärken, dass es nur in diesem Feed oder Forum Menschen gibt, die einen wirklich verstehen. „Etwa wie wichtig es ist, in ein Kaloriendefizit zu kommen, damit der Körper ‚gesund‘ ist.“
Claudia Fuchs im Gespräch mit einer Betroffenen.
Eltern können etwas unternehmen, wenn ihnen auffällt, dass Essen, Gewicht oder auch Sport eine immer größere Rolle im Leben ihrer Kinder einnehmen. „Ein wichtiger erster Schritt ist, sich liebevoll anzunähern und ehrlich interessiert nachzufragen, was das Kind oder den Jugendlichen gerade beschäftigt. Und anzubieten, sich Inhalte in den sozialen Medien gemeinsam anzuschauen“, rät Fuchs. Entdeckt man mehrere gefilterte Bilder einer Person, kann man fragen: „Ich kann gar nicht erkennen, ist das hier immer dieselbe Person oder sind das vier verschiedene?“ So lässt sich ein Gespräch eröffnen, ohne Vorwürfe zu machen.
Auch das Thema Ernährung darf in der Familie seinen Platz haben, allerdings ohne ihm zu viel Raum zu geben. Eine Möglichkeit ist der gemeinsame Beschluss, häufiger vegetarische statt Fleischgerichte zu essen. „Nicht zu unterschätzen ist außerdem die Vorbildwirkung der Eltern“, so Fuchs. Wer selbst sichtbar mit dem Älterwerden oder eigenen Aussehen hadert, vermittelt unbewusst die Botschaft, dass der Wert eines Menschen vor allem von seiner Optik abhängt. Selbstverständlich könne und müsse aber nicht jede oder jeder wissen, wie man richtig mit einer möglichen Essstörung umgeht. „Dann bitte professionelle Hilfe und Unterstützung holen.“
Fotos: © Alek Kawka