Zwei Ärztinnen mit einem Patienten in einem Behandlungszimmer
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Verborgene Hohlräume

Medizin
Reportage
Innovation

Jeder vierte Mensch über 70 hat eine Zyste in der Bauchspeicheldrüse. Eine Chirurgin erklärt, wie bei Pankreasgewächsen gut- von bösartig unterschieden wird und wie verschieden die Therapiewege aussehen.

Von Heike Kossdorff

Mit unerträglichen Schmerzen wurde Marcin M. vor einigen Monaten mit der Rettung ins Krankenhaus gebracht. Seine Diagnose lautete massive Bauchspeicheldrüsenentzündung, verursacht durch einen Gallenstein. Monate später wurde im Zuge einer Nachkontrolle eine Zyste im Bereich der Bauchspeicheldrüse entdeckt. Oberärztin Dr.in Radoslava Stoyanova vom Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien weiß, „das ist keine Seltenheit“. Bei ihr war der Patient zur Weiterbehandlung. In der Fachklinik für den gesamten Verdauungstrakt sieht die Chirurgin häufig Zysten in dem Organ im Oberbauch.

Von harmlos bis entartet

„Zysten sind abgekapselte Hohlräume im Gewebe, die oft mit einer klaren Flüssigkeit, Blut und Eiter gefüllt sind“, erklärt Stoyanova. Es gibt auch sogenannte Pseudozysten. „Das sind ebenfalls Hohlräume, die aber keine eigene Zellwand besitzen, sondern von Bindegewebe oder Nachbarorganen begrenzt sind.“ Sie können nach einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse entstehen, wie es bei Marcin M. der Fall war. Sie sind immer gutartig und müssen nur dann behandelt werden, wenn sie durch ihre Größe Symptome verursachen, etwa gegen den Magen drücken.

Es existieren aber auch Bauchspeicheldrüsenzysten, die bösartig sind oder im Laufe der Zeit entarten können. Expert*innen sprechen von neoplastischen, also tumorartigen Zysten. „Das Risiko, eine Bauchspeicheldrüsenzyste zu entwickeln, nimmt mit dem Alter zu. Es beträgt für 50- bis 60-Jährige etwa neun Prozent, für 70- bis 80-Jährige rund 26 Prozent und für über 80-Jährige bereits bis zu 38 Prozent. Von diesen Zysten haben aber nur zehn bis 15 Prozent das Potenzial, sich bösartig zu entwickeln“, beruhigt die Chirurgin. Risikofaktoren für zystische Tumore sind eine positive Familienanamnese, also dass es bereits Fälle von Bauchspeicheldrüsenkrebs gibt, chronische Bauchspeicheldrüsenentzündungen, eine neu aufgetretene Zuckerkrankheit sowie Alkoholkonsum und Rauchen.

Oftmals ein Zufallsbefund

Viele Zysten werden erst durch Zufall entdeckt, wenn Betroffene wegen anderer Erkrankungen untersucht werden. „Es gibt keine spezifischen Symptome, die auf eine Bauchspeicheldrüsenzyste hindeuten“, weiß Stoyanova.

Zu den manchmal vorkommenden unklaren Beschwerden gehören Oberbauchschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Entdeckt werden zystische Veränderungen durch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT).

Manche Zysten verändern sich nicht oder wachsen nur langsam. Da genügt Beobachten.

Radoslava Stoyanova Chirurgin

Radoslava Stoyanova

Chirurgin

Minimalinvasiver Eingriff

Zur weiteren Abklärung wird eine Endosonographie durchgeführt. „Hier wird eine kleine Ultraschallsonde an der Spitze eines flexiblen Schlauchs über den Mund eingeführt, ähnlich wie bei einer Magenspiegelung“, erläutert Stoyanova. „Im Gegensatz zum Ultraschall durch die Bauchdecke liefert diese Untersuchung sehr genaue Bilder. Und wir können Veränderungen erkennen.“ Bei dem minimalinvasiven Eingriff unter Sedierung kann gleichzeitig eine kleine Gewebe- oder Flüssigkeitsprobe aus der Zyste entnommen und im Anschluss auf bestimmte Tumormarker untersucht werden. „Nach Analyse aller Proben können wir die Art der Zyste bestimmen und einschätzen, ob sie sich bösartig entwickeln könnte“, beschreibt die Chirurgin das weitere Vorgehen. „Manche Patient*innen müssen wir engmaschig kontrollieren. Und bei einigen ist eine vorbeugende Operation zu empfehlen.“

Wurden Zysten früher häufig operativ entfernt, wird heute in vielen Fällen auf Beobachtung gesetzt. „Manche verändern sich nicht oder wachsen nur sehr langsam. Für diese Fälle haben wir ein eigenes Borderline-Board eingeführt, in dem ein interdisziplinäres Team aus Gastroenterolog*innen der Inneren Medizin, Chirurg*innen und Radiolog*innen Betroffene mit grenzwertigen Zysten regelmäßig diskutiert.“ Eine enge Zusammenarbeit, die von der Diagnose über die Risikobewertung bis zur Behandlung reicht.

Operation bei hohem Risiko

Bestimmte Arten entwickeln sich hingegen zu 80 Prozent bösartig, beispielsweise die intraduktale papillär-muzinöse Neoplasie (IPMN). Das ist ein Tumor, der aus dem Hauptgangsystem der Bauchspeicheldrüse hervorgeht. „Hier empfehlen wir eine Operation, wobei wir immer versuchen, organsparend zu operieren“, erläutert Stoyanova. Um den Eingriff möglichst schonend und präzise zu gestalten, wird auf roboterunterstützte Chirurgie gesetzt. „Das bedeutet für Patient*innen weniger Belastung und kürzere Erholungszeiten.“

Bei Marcin M. wurde eine gutartige Pseudozyste diagnostiziert. Also wurde eine innere Drainage gelegt, durch die sich die Flüssigkeit in den Magen entleeren konnte. Sie wurde nach vier Wochen entfernt, weil die Zyste, wie gewünscht, in sich zusammengefallen war.

Headerbild: Marcin M. litt an einem Gallenstein, der weitere Probleme im Bauch verursachte.
© Marcus Deak

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