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Volkskrankheit Rheuma

Medizin
Interview

Knapp ein Fünftel der Bevölkerung leidet an rheumatischen Schmerzen und Schwellungen. Prim. Doz. Dr. Edmund Cauza, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und stv. Ärztlicher Direktor im Wiener Herz-Jesu Krankenhaus, über neue Therapiemöglichkeiten.

Von Claudio Honsal

Vinzenz magazin: Welche Ausprägung von Rheuma gibt es?

Edmund Cauza: Es gibt rund 400 Arten. Zum Beispiel die entzündlich-rheumatischen wie die chronische Polyarthritis, die schubweise oder konstant zu Gelenksentzündungen führt. Oder die axiale Spondyloarthritis, früher als Morbus Bechterew bekannt, die zu Entzündungen und Versteifung der Wirbelsäule führt. Entzündete aktivierte Arthrosen sind weltweit die häufigste Gelenkserkrankung. Auch die Osteoporose zählt dazu, eine Störung des Knochenstoffwechsels. In unseren Breiten sehr verbreitet ist Gicht, die durch schmerzhafte Ablagerung von Harnsäurekristallen in Gelenken verursacht ist.

Welche Rheuma-Auslöser gibt es?

Das ist unterschiedlich. Meist handelt es sich um eine Autoimmunreaktion. Der Körper greift eigenes Gewebe an. Oft spielen genetische Veranlagung, Infektionen oder Umweltfaktoren wie Rauchen oder schlechte Ernährung eine Rolle. Auch chronische Entzündungen, etwa durch kariöse Zähne, können Auslöser sein. Die Veränderungen beginnen oft 20 Jahre bevor die Krankheit spürbar wird. Rheuma entwickelt sich langsam und bleibt lange unentdeckt. Zwar können wir die Erkrankung noch nicht heilen, aber wir behandeln gezielt Entzündungen und Beschwerden, um das Fortschreiten zu stoppen und die Lebensqualität zu verbessern.

Wer ist am häufigsten betroffen?

Bei entzündlichen Arten sind Frauen dreimal so häufig betroffen. Bei Gicht ist es umgekehrt, weil ungesunde Ernährung oder viel Alkohol bei Männern eine gewichtige Rolle spielen. Beschwerden setzen oft ab dem 40. Lebensjahr ein. Es erkranken aber auch Junge. Studien zeigen, dass Rauchen während der Schwangerschaft oder Stillzeit das Rheuma-Risiko von Kindern erhöhen kann.

Welchen Einfluss hat die Erkrankung auf das Leben von Patient*innen?

Physisch steht der akute und chronische Schmerz aufgrund funktionsbeeinträchtigter Gelenke im Mittelpunkt. Rheuma beeinflusst den ganzen Alltag. Viele Betroffene haben ständig Schmerzen, fühlen sich steif und können sich schlecht bewegen. Manchmal sind auch Organe wie die Lunge betroffen. Das macht das Atmen schwer und kostet Kraft. Viele fühlen sich müde, antriebslos und ziehen sich zurück. Das kann auf die Stimmung schlagen und zu Depressionen führen. Unser Ziel ist es, Beschwerden zu lindern und Lebensfreude zurückzugeben.

Können auch Laiinnen und Laien feststellen, ob sie an Rheuma leiden?

Ja, es gibt Warnzeichen. Typisch sind Gelenkschmerzen und Schwellungen, besonders an Fingern und Handgelenken. Oft sind die Beschwerden am Morgen am stärksten. Wenn keine Verletzung dahintersteckt, kann das ein Hinweis auf Rheuma sein. In so einem Fall sollte man zu Ärztinnen und Ärzten gehen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Im Akutfall behandeln wir mit schmerzhemmenden Medikamenten und Kortison. Zusätzlich leiten wir eine immunmodulatorische Therapie ein. Wir haben ein großes Arsenal an Medikamenten zur Verfügung, die spezifisch und zielgerichtet wirken. Weiters stehen Physio- und Ergotherapie zur Verfügung. Auch Kältetherapien oder Heilstollen mit radonhältiger Strahlung haben positive Auswirkungen, vor allem bei Spondylarthropathien. Menschen mit Rheuma profitieren auch von einer Bewegungstherapie. Und natürlich ist eine ausgewogene fettarme Ernährung sinnvoll. Unsere beiden Rheumaambulanzen bieten viele moderne Therapien, mit denen sich Operationen oft vermeiden lassen. Wichtig ist, früh zu handeln, denn beschädigte Gelenke können nicht rückgängig gemacht werden.

Headerbild: Spezialist Cauza mit Patientin
© Manuela Horny

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