
Zehn Uhr vormittags. Ich stehe vor der Tür eines Patient*innen-Zimmers. Ich weiß nicht, wer oder was mich dahinter erwartet. Ob ich eingeladen werde zu bleiben, zu hören oder zu sprechen. Es kann mich alles erwarten. Oder auch nichts. Ich atme kurz durch, klopfe an und betrete den Raum. „Grüß Gott!“, sage ich und stelle mich als Seelsorgerin vor.
Meistens kommt mir ein Lächeln entgegen. Manchmal höre ich: „Oh, das ist schön!“ Gelegentlich kommt ein: „Nein, danke. Ich brauche keine Seelsorge.“ Nicht selten sind es die kleinen Zeichen, die mir zeigen, dass es gut ist zu bleiben: fragende Augen, ein trauriger Blick oder ein tiefer Seufzer. „Oh!“, sagte letztens eine Patientin lächelnd zu mir, „ich freute mich so sehr, als die Tür aufging. Ich dachte, Sie holen mich zur Untersuchung ab, auf die ich den ganzen Vormittag schon warte!“
Im Krankenhaus wird viel gewartet. Menschen warten auf den nächsten Untersuchungstermin, den ausstehenden Befund, eine Diagnose, einen Besuch, ein freundliches Lächeln oder einen Anruf. Sie warten auf Genesung oder eine hoffnungsvolle Wendung.
Diese Woche erzählte mir eine 65-jährige Frau von ihrem Blumengarten. Während sie sprach, erkannte sie plötzlich, dass sie so wie ihre Pflanzen eine gedeihliche Umgebung braucht, um gesund zu werden. Eine 90-jährige Frau schilderte von ihren vielen Reisen. Am Ende des Gespräches beugte sie sich zu mir, nahm meine Hand und sagte leise: „Ich habe im Leben so viel gesehen. Nun darf auch meine Lebensreise zu Ende gehen.“ In solchen Momenten bin ich zutiefst dankbar. Da braucht es nicht mehr viele Worte von mir. Ich verabschiede mich, schließe die Türe hinter mir, hole einen tiefen Atemzug. Ein Satz von Viktor E. Frankl berührt mein Herz: „Das Leben hat Sinn, unter allen Umständen. Und behält ihn auch im Leiden.“
Bild: Göttlicher Heiland Krankenhaus Wien/Alek Kawka