
Ein neues Therapiezentrum unterstützt Betroffene mit chronischem Schmerz. Es bietet ein umfassendes Behandlungskonzept und Anleitung zur Selbsthilfe.
Von Heike Kossdorff
Blitzartig einschießende, heftige Gesichtsschmerzen bestimmen den Alltag des 74-jährigen Hermann Annabith. Er erkrankte an der seltenen Trigeminusneuralgie. Nur fünf von 100.000 Menschen sind betroffen. Annabith leidet bereits seit 18 Jahren. Die unerträglichen Attacken seien so, als werde „ein glühender Dolch“ in seinen Kopf gestoßen. Er absolvierte bereits unzählige Besuche bei ärztlichen und therapeutischen Fachkräften. Manche brachten etwas Erleichterung. Doch der Schmerz und die Angst vor der nächsten Attacke begleiteten ihn weiter.
Im November hörte er vom neu eröffneten Therapiezentrum chronischer Schmerz (TCS) im Rabenhof, einer zusätzlichen Versorgungseinheit des Herz-Jesu Krankenhauses Wien. Er meldete sich sofort an und war unter den ersten Patient*innen, die vom interdisziplinären Therapieangebot profitierten.
Primar Dr. Manfred Greher, MBA, ist ärztlicher Direktor des Spitals, Vorstand der Abteilung Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie und Leiter des TCS. Er weiß, wie wichtig das Zentrum für Betroffene ist. „Etwa 20 Prozent der Menschen in Österreich leiden unter chronischem Schmerz. Im TCS bieten wir Betroffenen passgenaue Maßnahmen und eine spezialisierte, multimodale, also ganzheitlich kombinierte Therapie an.“
Im Gegensatz zum akuten Schmerz, der ein wichtiges Warnsignal bei Verletzungen darstellt und mit der Heilung beendet ist, hält chronischer Schmerz über Monate oder Jahre an. „Wenn die ursprüngliche Ursache inzwischen verschwunden oder nicht mehr feststellbar ist, wird der chronische Schmerz ein eigenes Krankheitsbild“, weiß Greher. Wenn psychische und soziale Folgen unausweichlich sind, reicht ein traditionelles, rein biomedizinisch orientiertes Krankheitsverständnis für Diagnose und Therapie nicht mehr vollständig aus. Also sehen Schmerz-Fachleute das biopsychosoziale Modell als Schlüssel zum Erfolg. Es wird auch im TCS angewandt.
20 Prozent leiden unter chronischem Schmerz.

Primar Dr. Manfred Greher, MBA
Beim ausführlichen Ersttermin werden alle Vorbefunde und bisherigen Behandlungen besprochen, eine körperliche Untersuchung durchgeführt und die medikamentöse Therapie optimiert. Im nächsten Schritt folgt ein Gespräch mit klinischen Psychologinnen* und Psychologen* und schließlich die Besprechung des Behandlungsteams unterschiedlicher Fachrichtungen. Dieses erstellt ein individuelles Gesamtkonzept für die multimodale Therapie. Dafür arbeiten im TCS Ärztinnen* und Ärzte* verschiedener Fachrichtungen, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, Psycholog*innen, Diätolog*innen und , Physio- und Ergotherapeut*innen eng zusammen.
„Unser Therapieansatz ist umfassend und breit gefächert“, erklärt Greher. Er beinhaltet medizinische Behandlung, Entspannungsverfahren, Trainingseinheiten zur Schmerzbewältigung, Akupunktur, Biofeedback, Physio- und Ergotherapie, therapeutisches Yoga, psychologische Betreuung, Ernährungslehre sowie die Anleitung für Bewegungseinheiten.
Die Therapiedauer ist individuell und hängt von der Komplexität des Krankheitsbildes wie den Zielen ab. Üblicherweise erstreckt sich der Plan über mehrere Wochen. Entscheidender Erfolgsfaktor ist die aktive Mitarbeit von Patient*innen. „Je länger der chronische Schmerz besteht, je komplexer und fortgeschrittener er ist, umso wichtiger ist das Erkennen, dass Betroffene selbst wesentlich dazu beitragen können, wie es ihnen geht“, weiß Greher aus der Praxis. „Die passenden Techniken und Strategien, um mit der Situation besser zurechtzukommen und Schmerzspitzen leichter abfangen zu können, lernen sie bei uns.“

Der Patient nimmt viele Bausteine für seinen Alltag mit, die ihm das Leben erleichtern. © Ralph Darabos/Herz-Jesu Krankenhaus
Ein wichtiger Punkt, bestätigt Annabith. „Ich habe so viele neue und hilfreiche Angebote wie etwa Biofeedback oder autogenes Training kennengelernt und damit viele gute Bausteine in die Hand bekommen, um mir selbst zu helfen.“ So kristallisierte sich für den Patienten heraus, dass seine Halswirbelsäule für viele Schmerzattacken mitverantwortlich ist. Durch Übungen, die er konsequent täglich durchführt, kann er heute viele davon vermeiden. Auch wenn der Schmerz wie bei Annabith nicht vollständig verschwindet und es manchmal nicht möglich ist, die auslösende Ursache auszuschalten, lässt sich die Lebensqualität Betroffener deutlich verbessern, freut sich Greher. „Unsere Patient*innen sind ihrem Schmerz nicht mehr ausgeliefert.“
Für eine Behandlung sind ein Termin und die E-Card nötig. Telefonische Terminvergabe über die Hotline 1450 oder die Website tcs-wien.at.
Headerbild: Hermann Annabith gehörte zu den ersten Patient*innen im Therapiezentrum.
© Ralph Darabos/ Herz-Jesu Krankenhaus