
Die meisten männlichen Säuglinge haben bei ihrer Geburt eine Phimose. Fast immer löst sich das Problem mit der verengten Vorhaut bis zur Pubertät von selbst. Ein Urologe sagt, wann doch eine Operation nötig ist.
Von Heike Kossdorff
Der achtjährige Moritz kommt mit seinen Eltern in die kinderurologische Ambulanz im Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Mutter Michaela S. ist besorgt, weil sich die Vorhaut ihres Sohnes immer noch nicht vollständig zurückziehen lässt. „Wir haben gehört, dass das eigentlich bis zum Volksschulalter funktionieren sollte. Jetzt machen wir uns Gedanken, ob nicht eine Therapie oder am besten eine Beschneidung sinnvoll ist.“
Mit ihrer Sorge ist sie nicht alleine. Die vermutete Vorhautverengung gehört zu den häufigsten Diagnosen von Buben in der Kinderurologie. Oberarzt Dr. Mark Koen ist stellvertretender Leiter der Kinderurologie im Spital. Er und seine Kolleginnen* und Kollegen* operieren etwa 300 Buben im Jahr. Aber nur jene Fälle, bei denen es wirklich nötig ist. „Etwa 96 Prozent aller männlichen Neugeborenen kommen mit einer natürlichen Verengung der Vorhaut zur Welt.“ In den meisten Fällen löst sie sich im Laufe der Kindheit oder zu Beginn der Pubertät auf, unter dem Einfluss männlicher Geschlechtshormone. „Nur weniger als ein Prozent der Buben zwischen 16 und 18 hat noch eine bestehende Verengung.“
Die bis dato gängige These, dass das Vorhautproblem bis zur Einschulung behoben sein sollte, gehört der Vergangenheit an. „Vor der Pubertät muss die Vorhaut nicht zurückzustreifen sein“, betont Koen und nimmt verunsicherten Eltern eine Sorge.
Die Phimose ist die Verengung der Vorhautöffnung, die ein Zurückstreifen über die Eichel unmöglich macht oder erschwert. In Fällen ohne Symptomatik kurz vor der Pubertät kann zunächst auch eine konservative Behandlung erfolgen. Etwa mit einer kortisonhaltigen Salbe, die die Haut geschmeidiger macht und das Zurückziehen der Vorhaut erleichtert. Bei Fällen mit Symptomen liegt ein medizinisch begründeter Anlass für eine Operation vor.
Wenn durch die Phimose Probleme entstehen, startet die Therapie, auch bei jüngeren Kindern. „Wenn Buben häufig wiederkehrende Entzündungen, Schmerzen oder Schwellungen haben, beim Harnlassen ein Brennen verspüren oder der Harnstrahl abgelenkt ist, sind das Gründe, die Phimose frühzeitig zu behandeln“, erklärt der Kinderurologe. Schließlich können Entzündungen der Vorhaut die dortige Narbenbildung begünstigen. Letztere können zu einer erworbenen Verengung führen und damit auch erwachsene Männer betreffen.
Ein weiterer Therapiegrund ist die Hauterkrankung Lichen sclerosus. Sie betrifft den Genitalbereich von Buben und Männern und entsteht an der Vorhaut. „Die Ursache kann eine Autoimmunreaktion sein“, so Koen. „Die Erkrankung äußert sich durch weißliche Flecken an der Vorhaut und manchmal Eichel.“ Sie führt ebenfalls zu einer erworbenen Phimose, mit einer Vernarbung als häufige Folge. „Auch hier muss operiert werden.“
Bei Phimose bedeutet eine Operation meist die vollständige Beschneidung, sodass die Eichel danach frei liegt (Zirkumzision). „Es gibt auch Vorhauterhaltende Methoden, doch diese haben eine hohe Rückfallrate“, so der Kinderurologe. Im Spital wird die Beschneidung ambulant und in Narkose durchgeführt. „Zusätzlich bekommen Patienten währenddessen eine Regionalanästhesie, den Penisblock. Dabei wird eine lokale Betäubung an bestimmte Stellen der Peniswurzel gespritzt. Das ermöglicht eine relativ gute Schmerzfreiheit auch nach der Narkose.“ Der Eingriff dauert nur rund 15 bis 20 Minuten.
Bei Kindern können Eltern selbstverständlich bis kurz vor dem OP-Saal dabei sein. Sie werden auch im Anschluss gleich verständigt, damit sie im Aufwachraum bereits wieder an der Seite ihres Buben sind. Nach dem Eingriff wird für rund drei Tage am Penis ein kleiner Verband angelegt, der das Wasserlassen problemlos ermöglicht. Weiters wird mit Salben gecremt, damit keine Infektion an der Wundstelle entsteht. Nach etwa drei Wochen ist alles abgeheilt und in der Regel eine Kontrolle bei Kinder- oder Hausärztinnen* und -ärzten* ausreichend.
Für alle Eltern hat Koen noch einen wichtigen Tipp parat. „Bitte nie versuchen, die Vorhaut mit Gewalt oder gegen einen Widerstand zurückzuschieben. Das kann zu Verletzungen oder Entzündungen und infolge zu einer tatsächlich behandlungs-bedürftigen Verengung führen.“
Headerbild: Kinderurologe Mark Koen
© Ordensklinikum Linz