
Nach der ersten Krebsdiagnose sitzen Betroffene wochenlang wie auf Nadeln, bis eine Therapie beginnt. Eine Linzer Psychoonkologin hat Empfehlungen für den Umgang mit solchen emotionalen Krisen und eine Betroffene erinnert sich.
Von Claudia Schanza
Der Chirurg hatte mich unter einem Vorwand zu einem Nachgespräch ins Spital bestellt. Er wollte mir in die Augen sehen und die Diagnose nicht telefonisch übermitteln. „In der Pathologie hat sich bei näherer Betrachtung des Gewebes gezeigt, dass kleine, bösartige Zellen …“ Ich verstand gleich, dass Dr. Karl Wollein von Krebs spricht, darum stellte ich sofort die Frage: „Und wie geht es jetzt weiter?“
Dieses Aufklärungsgespräch fand vor 18 Jahren statt und mein Arzt hat alles richtig gemacht. Denn vor meinen Augen organisierte er die nachfolgende Therapie, vereinbarte einen Termin in einer nuklearmedizinischen Abteilung eines anderen Krankenhauses und ich verließ den Raum mit einem klaren Plan. Im Moment größter Verunsicherung hatte er mir Struktur gegeben.
Mag.a Christina Mayr-Pieper leitet den Bereich Klinische Psychologie, Psychoonkologie und Psychotherapie am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern. Sie kennt die Achterbahn der Gefühle, die in jedem Menschen losfährt, sobald er die Diagnose Krebs bekommt. Wut, Verzweiflung, Trauer, Hilflosigkeit, Ohnmacht und ein Gefühl des Ausgeliefertseins wechseln mit Hoffnung, Zuversicht und Kampfgeist. „Typische Symptome dafür sind Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Grübeln und das Durchdenken von Katastrophenszenarien.“ Der Stresspegel steigt, der Körper schüttet Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus, die in gefährlichen Situationen die Energie zum Überleben sicherstellen.
Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, rät Mayr-Pieper zu „Strukturen, etwa planbaren Aktivitäten, und einem aufrechterhaltenen Tagesablauf. Das vermittelt, dass man die Kontrolle behält, und gibt somit Halt.“
Vor 18 Jahren war die Versuchung noch nicht groß, schnell einmal Google oder ChatGPT zur eigenen Erkrankung oder zu Heilungschancen zu befragen. Mayr-Pieper warnt: „Was man im Netz findet, muss nicht zur eigenen Erkrankung passen. Weil jede Diagnose und jeder Therapiepfad absolut individuell ist, sind nähere Untersuchungen notwendig. Und deshalb kann auch die behandelnde Ärztin oder der Arzt meistens nicht sofort sagen, wann und wie es weitergehen wird.“ Während Proben im Labor analysiert werden, ein interdisziplinäres Team tagt oder die Profis andere wichtige Schritte gehen, sitzen die Betroffenen wie auf Nadeln. Sie wissen, dass in ihrem Körper etwas möglicherweise Lebensbedrohliches wächst, aber können einstweilen nichts dagegen tun.
Diese Wartezeit bis zum Therapiebeginn schlägt sich nachweislich auf die Psyche. 80 bis 90 Prozent der Erkrankten zeigen in dieser Phase oft erhöhte Ängstlichkeit, Stress- oder depressive Symptome. Die Ängste vor einer Chemo- und Strahlentherapie sind oft massiv, obwohl diese Vorstellungen nicht mehr der Realität entsprechen.
Und nach dem Therapieende geht das Warten von vorne los. Auf der Arbeit und im Freundeskreis tun sich die Menschen schwer, die richtigen Worte zu finden. „Jetzt ist ja alles wieder gut“ oder „Super, du hast es geschafft!“ passen oft nicht zum Erleben der Betroffenen, die keineswegs so erleichtert sind. Psychoonkologin Mayr-Pieper nennt Zahlen. „Zumindest bis zur ersten Kontrolluntersuchung ist die Angst vor einem Rückfall bei zirka einem Drittel der Krebspatient*innen sehr stark ausgeprägt.“ Sie leiden fünf Jahre nach der Diagnose unter anderem immer noch unter Schlafstörungen, Müdigkeit oder Erschöpfung.
Die Angst vor Krebs ist keine Phobie wie etwa vor Mäusen, Spinnen oder Höhe. „Die Angst vor einem Rezidiv ist eine reale Bedrohung und bleibt bei vielen Betroffenen auch weiterhin präsent.“ Mayr-Pieper empfiehlt sowohl Patient*innen als auch deren Angehörigen professionelle Hilfe, wenn die Sorgen zu bedrückend werden. „Wir Psychoonkologinnen und -onkologen ermuntern Familien, offen miteinander zu kommunizieren, und unterstützen sie dabei.
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